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Pai Audio MR3: ein SE 425-Killer aus Fernost - Review 🇩🇪


Prolog:

Den MR3 habe ich zum vollen Preis von $136 direkt von Pai Audio erworben (mittlerweile ist der Preis angestiegen, was aber meiner Meinung nach aufgrund der klanglichen Performance noch immer ein wirklich sehr fairer Preis ist).

Pai Audio ist eine noch recht junge im letzten Jahr gegründete chinesische Firma mit Sitz in Shenzhen, die sich auf die Produktion von In-Ears spezialisiert hat und laut eigenen Angaben im
dreizehnköpfigen Team nationale Elite-Entwickler besitzt.
Die noch relativ unbekannte Firma besitzt derzeit vier Kopfhörer im Sortiment, davon einen Earbud, einen dynamischen In-Ear und zwei Balanced Armature In-Ears, wobei bis auf die Earbuds alle Modelle trotz des verhältnismäßig günstigen Preises austauschbare Kabel besitzen.

Bei der Vermarktung setzt Pai Audio auf einen Direktvertrieb auf den drei Plattformen ebay (http://stores.ebay.com/paiaudio), Amazon (http://www.amazon.com/gp/aag/main/ref=olp_merch_name_1?ie=UTF8&asin=B00ZU89S6E&isAmazonFulfilled=0&seller=A4X08XUDEJ1P3) und AliExpress (http://www.aliexpress.com/store/1738335).

Wie sich das aktuelle Spitzenmodell, der MR3, schlägt, könnt ihr in meinem Review lesen.



Technische Daten:

Schallwandler: Balanced Armature, Knowles
Treiber pro Seite: 3
Wege: 2
Empfindlichkeit: 120 dB
Tonumfang: 20 – 20000 Hz
Impedanz: 32 Ohm
Kabel: 120 cm; gewinkelter 3,5 mm Klinkenstecker
Farbe: rot, blau oder gebräunt


Lieferumfang:

Der Triple-Driver MR3 wird in einer schlichten schwarzen Verpackung mit Papierhülle geliefert, auf der groß ein „π“, das Markenzeichen von Pai Audio, auf der Vorderseite prangt. Die eigentliche Verpackung unter dieser Papier-Hülle ist gänzlich schwarz und besitzt eine Magnet-Klappe, welche nach dem Öffnen die In-Ears präsentiert. Im Lieferumfang befinden sich neben den In-Ears eine Gebrauchsanweisung, drei Paare weißer Silikonaufsätze und ein Aufbewahrungsbeutel. Ein stabiles Aufbewahrungsetui wird leider nicht mitgeliefert.






Optik, Haptik, Verarbeitung:

Das Gehäuse der In-Ears ist verhältnismäßig groß und ergonomisch geformt, was für meine großen
Conchas jedoch in der Regel keine Probleme darstellt.
Die Verarbeitungsqualität ist augenscheinlich einwandfrei und die beiden Hälften des Gehäuses sind makellos und sehr stabil miteinander verbunden. Insgesamt wirkt das Gehäuse auch hochwertig und vermittelt einen stabilen Eindruck. Für diese Preisklasse eher unüblich kommt ein MMCX Koaxial-Steckersystem für die austauschbaren Kabel zum Einsatz, wie es auch etwa von Shure verwendet wird.
Das flexible Kabel ist gräulich semi-transparent und wirkt dick und stabil und lange haltbar, obwohl es keinen Knickschutz besitzt. Einzig vermisse ich einen „Chin-Slider“ oberhalb des Y-Splitters.

Durch das transparente blaue Gehäuse kann man die drei Balanced Armature Treiber, Frequenzweiche und Verkabelung sehen, was mir persönlich recht gut gefällt.

Beim Begutachten fiel mir auf, dass die Kabel vertauscht angebracht waren (so befand sich am rechten Hörer das Kabel für den linken und umgekehrt), was jedoch wohl eher ein Einzelfall sein dürfte, der sich zudem sehr schnell beheben lässt.





Tragekomfort, Isolation:

Wie bereits erwähnt, ist das Gehäuse der In-Ears an die Form der Concha angelehnt und recht groß, womit ich mit meinen großen Ohrmuscheln keine Probleme habe, jedoch könnten die In-Ears Menschen mit kleinen Ohren nicht passen.
Anfangs vermochte ich noch überhaupt keinen Seal mit den In-Ears zu erreichen, was sich nach einiger Zeit dann jedoch änderte. Durch den etwas unkonventionellen Winkel des kurzen Schallröhrchens muss ich das Gehäuse der In-Ears etwas nach vorn drehen, dann ist der Seal auch einwandfrei.
Den Tragekomfort erachte ich als sehr angenehm, dazu überträgt das Kabel fast gar keine Mikrofonie.

Da das Gehäuse aufgrund der BA-Schallwandler geschlossen ist, befindet sich die Isolation auf einem hohen Niveau, ist jedoch minimal schlechter als bei extrem isolierenden In-Ears wie etwa den Modellen von Westone oder Shure, aber dennoch auf sehr gutem UE900-Niveau.


Klang:

Den Klang des Triple-Drivers habe ich hauptsächlich mit meinem iBasso als Quelle evaluiert; die Musik lag im MP3- und FLAC-Format vor.

Tonalität:

Redaktioneller Hinweis 03/2016: Meine anfängliche tonale Einschätzung/Beschreibung möchte ich geringfügig revidieren - das damals Gehörte war auf einen nicht ganz idealen Sitz/Einsetzwinkel zurückzuführen, womöglich mit einer Abdichtung, die ganz geringfügig schlechter als perfekt war. Mit dem nun korrekten Sitz (herausgefunden habe ich erst nach Monaten, dass die In-Ears von Pai Audio in meinen Ohren besser richtig sitzen, wenn ich sie nicht (wie üblich) mit einer leichten Drehbewegung einsetze, sondern geradlinig in meine Ohren drücke, wodurch sie tiefer sitzen und nicht mehr geringfügig herausstehen) ist der Klang des MR3 zwar noch relativ immer sehr ausgewogen mit neutraler Tendenz, aber weniger hell und ein wenig bassiger (die Bassquantität ist mit der des InEar SD-2 identisch). Somit decken sich meine Klangeindrücke (mit dem nun korrekten Sitz) endlich auch mit meinen Messgraphen.

Da es noch keine Erfahrungsberichte zu diesen In-Ears gibt, war ich hier etwas gespannt und hatte verschiedene Vorstellungen davon, wie der Klang wohl sein könnte. Das Ergebnis hat mich dann doch sehr positiv überrascht:
Die Abstimmung des MR3 ist sehr neutral ausgewogen gehalten, besitzt jedoch ein wenig mehr Bass (4,5 dB) als ein komplett neutraler Monitor wie der Etymotic ER-4S (messtechnisch, denn Gehör-mäßig fällt dies wenig auf und selbst beim Sweepen merkt man dies nur geringfügig (moderat mehr Midbass und unterer Grundton)) jedoch auf der helleren Seite einzuordnen. Wer warmen oder auch nur nuanciert bassigen Klang sucht, ist hier fehl am Platz.

Der Tiefton ist sehr gleichmäßig und flach, lediglich im Tiefbass fällt der Pegel dann etwas minimal ab. Dem Kickbass und unteren Grundton könnte man vielleicht eine ganz minimale Betonung attestieren, welche jedoch aufgrund des insgesamt sehr flachen Tieftons nicht ins Gewicht fällt. Quantitativ ist der Bass mit dem des InEar SD-2 identisch, also auf der geringfügig akzentuierten Seite einzuordnen, wenn man ihn mit dem Etymotic ER-4S vergleicht. Im Vergleich zum Etymotic ist der Bass des MR3 also 4,5 dB präsenter, im Vergleich zum UERM etwa 1,5 dB.
Der Grundton ist ansonsten relativ frei von Betonungen, weshalb der In-Ear keine nicht zu viel unnötige Wärme im Klangbild erhält – yeah, Baby!
Die Mitten sind präsent (und vielleicht sogar einen Touch im Hintergrund) und tonal in meinen Ohren überraschend korrekt, ohne einen dunklen oder hellen Touch zu erhalten, was auf eine sehr saubere und sorgfältige Abstimmungsarbeit im Mittelton schließen lässt.
Dadurch, dass der untere Hochton/Präsenzbereich nicht wie häufig anzutreffen merklich zurückgesetzt ist, sondern sich auf einem normalen Level befindet, deckt der MR3, wie auch der Etymotic ER-4S oder UERM, schlechte Aufnahmen auch auf, jedoch etwas weniger deutlich als die beiden anderen In-Ears.
Bis auf zwei Betonungen bei 4 und 6,6 kHz sowie einer kleinen Senke weiteren Betonung (beim korrekten Sitz) bei 8 kHz ist der Hochton schön gleichmäßig und besitzt für einen In-Ear mit BA-Treibern mit 14/15 kHz auch einen guten Tonumfang.
Manch einer würde dem MR3 vielleicht einen eher bassschwachen Klang attestieren, was jedoch nicht gerechtfertigt wäre, da der Klang des Pai Audio In-Ears neutral mit einer Tendenz zum Hellen ist ausgewogen, mit einer geringfügigen Bassbetonung im Vergleich zu einem strikt neutralen In-Ear ist (der InEar StageDiver SD-2 hat genauso viel Bass wie der MR3, den ich daher wie den SD-2 und FA-3E auch als "sehr ausgewogen, jedoch nicht langweilig" beschreiben würde) – aber gut, manche Menschen attestieren dem ER-4S, SD-2 oder UERM schließlich auch ungerechtfertigter Weise einen bassarmen Klang.

Auflösung:

Typisch für In-Ears mit Balanced Armature Treibern befindet sich die Auflösung des MR3 auf einem hohen Niveau.
Feine Details werden gut aufgedeckt, der Bass ist trocken, fest und schnell, Stimmen besitzen eine tolle Detailfülle, wenngleich es ihnen etwas an Körper und Fleischigkeit fehlt. Der Hochton ist sehr sauber und detailreich, neigt selten jedoch zur leichten Metalligkeit, was jedoch Kritik auf einem sehr hohen Niveau darstellt und häufig auch an der Aufnahme liegt, denn in der Regel der Fälle spielt er zwar präsent, jedoch frei von Schärfe.
Der Ausklang von Akustikinstrumenten und Becken sowie Trompeten ist sehr realistisch und präzise; der Anschlag jedoch wirkt eine Spur künstlich.

Was die Auflösung betrifft, merkt man hier definitiv nicht, dass es sich um einen <$140 In-Ear handelt, der obendrein noch ein austauschbares Kabel mit MMCX-Steckern besitzt. Der Klang wirkt wie aus einem Guss und ist sehr harmonisch und größtenteils natürlich, bis auf den durch die Betonung bei 4 kHz leicht metallischen Anschlag von Hi-Hats.

Der MR3 macht hier wirklich sehr viele Sachen richtig und den günstigen Preis merkt man ihm definitiv nicht an - den Shure SE425 übertrifft er in Sachen Kontrolle und Detailfülle, bei einem ebenso schnellen, knackigen Tiefton, aber der höheren Auflösung. Obwohl der MR3 bei korrektem Sitz etwas mehr Grundtonwärme und Midbass als der Shure besitzt, sind seine Mitten korrekter und im Hochton reicht sein Pegel nicht nur höher ohne Abfall (der Tonumfang des SE425 bei hohen Frequenzen war schon immer sein Flaschenhals), sondern klingt auch echter. Selbst ohne den günstigeren Preis des Pai Audio In-Ears einzubeziehen, ist dieser in meinen Augen klar empfehlenswerter als der Shure, was nicht zuletzt an der guten Räumlichkeit sowie Natürlichkeit (mehr dazu im nächsten Abschnitt) des Chinesen liegt. Um technisch upzugraden, müsste man schon einiges mehr an Geld in die Hand legen und sich im Bereich der drei-Wege In-Ears umsehen.
Auch den Fischer Amps FA-3E, einen In-Ear, den ich in seinem Preisbereich liebe, übertrifft der MR3 in Sachen Authentizität, Auflösung und Bühnendarstellung.


Räumliche Darstellung:

Die nächste positive Überraschung begegnete mir bei der Bühnendarstellung, welche mit einer tollen Räumlichkeit aufwartet.
Breiten-mäßig spielt der MR3 etwas weiter als der UE900, besitzt im Gegensatz zu diesem jedoch eine schöne und gut ausgeprägte Tiefe. Man nehme also etwas mehr als die Breite des UE900, gepaart mit etwas mehr als der Tiefe des Shure SE425, so erhält man die Bühne des MR3. Top!
Die Instrumentenplatzierung und –separation befinden sich auf einem tollen Niveau und übertreffen gar die des guten Shure SE425; insgesamt wirkt die Bühne sehr stimmig und greifbar und kommt beinahe an die des Etymotic ER-4S heran, welcher dann jedoch die einen Tick bessere Instrumentenseparation besitzt.


Fazit:

Beim ersten Hören mag der Pai Audio für manche vielleicht langweilig und unspektakulär klingen, wie es recht neutrale ausgewogene In-Ears eben tun. Da ich jedoch ein Fan eines neutralen und hellen Klangbildes bin, benötigte ich kaum Eingewöhnungszeit und fand mich sehr schnell mit dem etwas heller als neutralen Klang zurecht.
Die Detailauflösung und Bühnendarstellung befinden sich jenseits davon, was man für den Preis
vielleicht erwarten könnte. Klanglich gibt es eigentlich nichts wirklich zu bemängeln, außer vielleicht des leicht minimal abrollenden Tiefbasses und des ganz minimal metallischen Einschlages von Hi-Hats, welche jedoch sauber ausklingen.
Dass Pai Audio zusätzlich noch ein hochwertiges Gehäuse verwendet und dieses obendrein noch mit MMCX-Steckern ausstattet, setzt dem Ganzen schließlich noch die Krone auf.
Meine einzigen Kritikpunkte beziehen sich auf das Fehlen eines „Chin-Sliders“ am Kabel und den Verzicht eines vollwertigen Hardcases oder Reißverschluss-Etuis zur Aufbewahrung, das war’s dann aber auch schon.

Somit ist der MR3 „a neutrlo’s and treble-head’s delight“ ein ausgewogener, ganz geringfügig bassbetonter In-Ear mit einem enorm guten Preis-Leistungsverhältnis und ein In-Ear, den ich selbst sehr mag.