Translate

NuForce NE800M: verschenktes Potenzial - Review 🇩🇪

Prolog:

Als mich Jyri von Optoma (der bereits vor der Übernahme durch Optoma bei NuForce arbeitete) bei Head-Fi kontaktierte und fragte, ob ich Interesse hätte, den NE800M In-Ear (http://www.optoma.de/soundproduct/NE800M) aus dem Hause NuForce zu testen, stand ich bereits mit dem deutschen Vertrieb wegen eines anderen, jedoch zu der damaligen Zeit nicht verfügbaren Produktes in Kontakt, weshalb ich die Gelegenheit des Reviews wahrnehmen konnte.

Optoma ist ein weltweit bekannter Hersteller von Videoprojektoren und hat vor einiger Zeit den Hersteller von Audio-Produkten (darunter neben Kopfhörern auch Verstärker) NuForce übernommen.


Erhältlich ist der NE800M auch bei Amazon: http://amzn.to/23VKP9i
Technische Daten:

Preis: ~150€, manchmal auch um 100€ zu haben
Schallwandler: 8,6mm dynamischer, titanbeschichteter Treiber
Frequenzbereich: 18Hz - 22kHz
Impedanz: 16 Ohm
Empfindlichkeit: 120dB SPL


Lieferumfang:

Die In-Ears  werden in einer schwarz-goldenen Verpackung geliefert, welche auf der Vorderseite ein großes Bild der In-Ears mitsamt des Modell- und Firmennamens besitzt. Die Rückseite bietet ein kleineres Bild beider Hörerseiten samt Mikrofon sowie eine Beschreibung der In-Ears; auf den Seiten befindet sich ein Slogan, welcher „Hear more. Feel more.“ lautet.

Öffnet man die Verpackung, findet man neben den In-Ears ein schönes, kleines Kunstleder-Aufbewahrungsetui mit geprägtem „nu“ Logo, einen Kabelclip, drei Paar schwarze Silikonaufsätze, drei Paar semi-transparente dunkelgraue Silikonaufsätze sowie zwei Paar Comply Foam TX400 Aufsätze (in M und L) vor.







Optik, Haptik, Verarbeitung:

Die In-Ears mit titan-beschichtetem Treiber sind aus Messing sowie Carbon gefertigt. Auf der
„Faceplate“ aus Carbon ist das NuForce-Logo ausgeschnitten und durch die dahinter liegende Messing-Platte gut sichtbar; in den Gehäusen befindet sich vorne eine große Reflex-Öffnung und hinten sieben kleine für den Druckausgleich des Basses. Praktischerweise befindet sich an der rechten Hörerseite unterhalb des Knickschutzes ein roter Ring zur einfachen Identifizierung der korrekten Seite.
Die Hörer selbst sind gut verarbeitet.

Das Kabel erinnert optisch an das des Sennheiser IE 800, ist jedoch flexibler, gleichzeitig aber leider auch etwas gummi-artig. Oberhalb des Y-Splitters befindet sich ein Kinnschieber; einen Knickschutz gibt es leider abgesehen von direkt an beiden Hörer-Seiten nirgends, weshalb Obacht geboten ist.

Das Etui ist gut ausgepolstert, bietet ausreichend Platz für die In-Ears und ist allgemein gut gefertigt; die Aufsätze sind weich und fühlen sich gut an.

Die Kabelfernbedienung besitzt einen angenehmen Druckpunkt und befindet sich auf der linken Seite, doch kann ich das Mikrofon aktuell nicht testen, da sich mein Mobiltelefon in der Reparatur befindet.







Tragekomfort, Isolation:

Die In-Ears besitzen nicht allzu große Gehäuse und lassen sich gut einsetzen. Mit der Trageweise mit den Kabeln nach unten gibt es trotz des Kleidungsclip sehr starke Kabelgeräusche, jedoch lassen sich die In-Ears auch bequem mit den Kabeln über den Ohren tragen (was übrigens bei all meinen In-Ears meine bevorzugte Trageweise ist, da dies den Sitz und Komfort verbessert und gleichzeitig Kabelgeräusche minimiert), wodurch sich die Mikrofonie deutlich verringert und sogar gänzlich eliminiert werden kann, wenn man den Kinnschieber nach oben schiebt.

Durch die vielen Belüftungsöffnungen ist die Isolation eher mäßig ausgeprägt.


Klang:

Wie empfohlen habe ich die In-Ears vor dem Hören sicherheitshalber etwa 100 Stunden mit Rausch- und Sinussignalen eingespielt, bevor ich mit dem Testen begann. Als Abspielgeräte dienten hauptsächlich der iBasso DX80 und Shanling M2 mit FLAC- und MP3-Dateien.

Tonalität:

Basslastig (nicht bassbetont) beschreibt die Tonalität des NE800M wohl am besten. Mit etwa 12 dB ist der Tiefton schon recht stark angehoben und dürfte Bassheads befriedigen, wobei es auch In-Ears gibt, die den Tiefton noch stärker betonen. Die sehr kräftige Betonung erinnert mich ein wenig an meine Jugend, als ich selbst ein Basshead war und den angeschlossenen aktiven Subwoofer an meiner Stereoanlage stark aufdrehte.
Aber nun weiter mit der Analyse:
Wie bereits erwähnt, ist der Tiefton mit ca. 12 dB recht kräftig angehoben. Die größte Betonung findet im Mid- und Oberbass sowie unteren Grundton statt; gen Tiefbass rollt der Pegel etwas ab. Vom mittleren Grundton an aufwärts fällt der Pegel wieder ab, erstreckt sich jedoch noch etwas bis in den oberen Grundton. Stimmen sind tonal recht korrekt, jedoch strahlt der mächtige Grundton etwas in tiefere Stimmen hinein und dickt diese an.
Der Präsenzbereich ist etwas zurückgesetzt und ermöglicht ermüdungsfreies Hören; allgemein befindet sich der gesamte Hochton, welcher übrigens überraschend eben und gleichmäßig ist, ein wenig im Hintergrund und im oberen Hochton fällt der Pegel dann sogar etwas ab.

Auflösung:

Was mir hier in den Sinn kommt, ist „etwas verschenktes Potential“, aber dazu gleich mehr.

Trotz der starken Betonung bleibt der Bassbereich noch recht differenziert und auch Doppel- und Trippelbässe lassen sich als solche erkennen, trotzdem wäre ein gutes Stück mehr Kontrolle im Mid- und Tiefbass wünschenswert. Der Basskörper ist wenigstens bei langsamen Stücken angenehm und auch Details im Tiefton werden ordentlich wiedergegeben.
Spielt man schnellere Musik mit größerem Bassanteil ab, klingt der Treiber jedoch schnell sehr angestrengt. Der NE800M eignet sich also, wie auch der Sennheiser IE 80, hauptsächlich nur für langsame Musikstücke und klingt, sobald es in der Aufnahme schneller und hektischer zugeht, angestrengt, breiig und matschig.

Die Mitteltonauflösung ist bei diesem In-Ear die im Vergleich zu den anderen Frequenzen einzige herausstechende Stärke, jedoch wirkt der Klang auch hier absolut betrachtet etwas angestrengt.
Dem Hochton fehlt es leider etwas an Natürlichkeit sowie Definition, dazu wirkt er komprimiert – obwohl er nur leicht im Hintergrund steht.

Was hier merklich auffällt, ist dass der mächtige Bassbereich den In-Ear mit dem titanbeschichteten Treiber überfordert. Halbiert man den Bassbereich via gutem parametrischem Equalizer, merkt man erst, dass beim NE800M durch die Bassbetonung leider viel Potential verschenkt wurde, denn dem Treiber bekommt die Betonung leider nicht gut und er kann sie nicht sauber wiedergeben.

Senkt man den Bass ab, passiert Folgendes: Der Tiefton wirkt weniger schwammig und angestrengt und die Mitten verlieren gänzlich an Anstrengung. Der bassreduzierte, jedoch noch immer bassbetonte Klang wirkt aufgeräumter und präziser und sogar der Hochton gewinnt etwas an Details, wenngleich leider nicht viel.
Bassreduziert ist die Auflösung dann auch mit ordentlichen Dynamikern unter 100€ wie etwa dem SoundMAGIC E80 vergleichbar und schnelle Musik überfordert den In-Ear auch nicht mehr. Im "Standard-Zustand" hingegen sehe ich den In-Ear nicht über der 30€-Klasse.

Räumliche Darstellung:

Die Bühne des NE800M ist relativ klein und eingeengt, räumliche Tiefe ist zwar vorhanden, jedoch nicht sonderlich stark ausgeprägt, bietet dafür jedoch eine (bei den begrenzten Möglichkeiten) ordentliche Tiefenstaffelung. Die Instrumentenseparation könnte etwas besser sein, ist jedoch auch nicht wirklich verwaschen und lässt Instrumente wenigstens nicht ineinander übergehen.
Schade eigentlich, denn häufig haben gut belüftete dynamische In-Ears eine recht große Bühne, hier befindet sie sich größenmäßig jedoch nur etwa auf dem Niveau eines Shure SE425, jedoch mit klar schlechterer Instrumententrennung.


Fazit:

Das angemessene Zubehör und die Verarbeitung der Hörer-Gehäuse mit Carbon und Messing sind ordentlich, das nicht lange haltbar wirkende Kabel mit dem fehlenden Knickschutz trübt jedoch den Eindruck etwas.
Die Abstimmung des In-Ears ist klar voluminös und bassbetont ausgelegt und consumer-orientiert, was sich jedoch nicht auf die Bewertung auswirkt. Was man jedoch merkt, ist dass der dominante Bass den Treiber besonders bei komplexer und schneller Musik klar überfordert wirkt und damit viel Potenzial verschenkt – verringert man den Tiefton mittels Equalizer, werden die möglichen Stärken des Treibers offenbart und dann kann er sich auch halbwegs mit einem SoundMAGIC E80, Ostry KC06A oder Brainwavz M3 messen, was die Detailauflösung betrifft, wenngleich er diese drei In-Ears trotzdem auch dann nicht ganz einholt. Der Hochton ist gleichmäßig, befindet sich geringfügig im Hintergrund und bietet ermüdungsfreies Hören, jedoch könnte die Auflösung hier etwas besser sein.

Durch das ohne Verwendung eines Equalizers recht angestrengte Klangbild und das dadurch enorm verschenkte Potenzial, sowie durch das mäßige Kabel, kommt der In-Ear auf lediglich 29 Prozentpunkte (1,45 von 5 möglichen Sternen), wenn man ihn ausgehend von der UVP bewertet. Schade eigentlich, denn durch Entlastung des Treibers durch Reduktion des Tieftons wären vielleicht 15 Prozentpunkte mehr möglich gewesen und weitere 5 bis 10 durch ein besseres Kabel.

Mein Rat an NuForce und an diejenigen, die den NE800M besitzen: reduziert den Bass um mindestens 3 bis 4 dB, die allgemeine Auflösung profitiert dadurch bereits merklich und die Titan-beschichteten Treiber bekommen "Luft zum Atmen". In der Werks-Konfiguration sind die NE800M lediglich ordentliche In-Ears, jedoch mit etwas verschenktem Potenzial (was jedoch auch bei anderen In-Ears mit einer starken Bassbetonung der Fall sein kann) und auch nur, wenn man den In-Ear etwa zur halben UVP erwerben kann (150€ wäre mir persönlich der Klang des NE800M nämlich nicht im geringsten wert). Ich persönlich würde für das Gesamtpaket und den Klang zumindest nicht mehr als maximal 40€ ausgeben wollen.

So, wie er ist, und zum vollen Preis, habe ich angesichts der Konkurrenz sehr große Probleme damit, den NE800M zu empfehlen.