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Meze 99 Classics: Ein rumänischer Newcomer mit Muscheln aus Holz und einem Bügel aus Metall - stichpunktartiges [Review] 🇩🇪

Prolog:

Ich habe diesen Kopfhörer als Teil des ersten Preises bei einem Themenwettbewerb gewonnen. Aufgefallen ist er mir davor schon einige Monate zuvor, jedoch hat er nicht den richtigen Nerv bei mir gekitzelt, als dass er für mich interessant genug geworden wäre, um für mich in Betracht zu kommen - und dann kam Polly der Gewinn, und meine Neugier war doch groß genug, dass ich die Verpackung direkt öffnete und den Hörer ausprobierte anstatt ihn zu verschenken oder zu verkaufen, was ich als Kopfhörer-Sammler und -Enthusiast sowieso nicht mehr übers Herz bringe und selbst Modelle aus meinem Bestand, die ich vor ein paar Jahren gekauft hatte, jedoch nicht mehr so wirklich mag und daher nur enorm selten nutze (Westone W4R, I'm looking at you), noch immer in der mittlerweile etwas überfüllten Ecke meines Arbeitszimmers zu Hause schön im hölzernen Regal auf mehreren Etagen positioniert sind, wie es viele Modellsammler mit ihren Miniatur-Zügen oder -Autos handhaben. Ein Review hatte ich nach ein paar Tagen eventuell im Hinterkopf für später, in ein paar Monaten, vorgemerkt, war mir aber doch nicht sicher, wann, ob und in welchem Umfang ich es schreiben würde.
Die in der letzten Zeit aufkommenden Reviews des Meze 99 Classics haben mich dann jedoch inspiriert, schließlich einen Testbericht zu verfassen - und mit einer Sache aufzuräumen, die mich bei beinahe all den anderen Tests stört und meiner Meinung nach nicht, beziehungsweise nur nebensächlich erwähnt wird. Was ich da hauptsächlich gelesen habe, ist für mich größtenteils Hype - das steht für mich ganz klar fest. Ja, es gibt klanglich viele gute Aspekte am Meze, doch gibt es auch eine Sache, die ich schon etwas misslungen finde, neben ein paar konstruktionsbedingten Meeehhs - aber dazu mehr im Verlauf meines Reviews, das ich bis auf die interessanten Teile (insbesondere den Klang) recht knapp und in eher stichpunktartigen, teils nicht vollständig ausformulierten Sätzen erstellt habe (was einfach daran liegt, dass ein ausführliches Review in meinem üblichen Stil nochmal deutlich mehr Zeit beansprucht).


Vor dem weiteren Verlauf meines bekannten Review-Skeletts noch ein paar stichpunktartige Fakten über Meze: Recht junge rumänische Firma, von Antonio Meze gegründet. Frühere Kopfhörer-Linien von Nutzern/Testern als billig eingekaufte OEM-Produkte mit schlechtem Klang "zerrissen". 99 Classics bis auf den Treiber selbst entwickelt.


Technische Daten:

Sollten diese euch interessieren, könnt ihr sie euch selbst auf der Herstellerseite ansehen.


Lieferumfang:


Pappschachtel mit aufklappbarem Karton darin. In diesem befinden wiederum ein schwarzes Hardcase mit Meze-Emblem, eine Gebrauchsanleitung, der Kopfhörer, zwei Kabel (kurzes Mobilkabel mit Fernbedienung und Mikrofon, längeres Kabel für zu Hause), ein Flugzeugadapter, ein 6,35 auf 3,5 mm Adapter, eine kleine Stofftasche für eines der Kabel.





Optik, Haptik, Verarbeitung:

Kopfhörer aus Holz (Walnuss, aus den Vollen CNC-gefräst und oberflächenbehandelt), Metallbügel, Verstellmechanismus des Kopfbandes wie beim AKG K701 stufenlos selbstjustierend. Glattes Kopfband. Schön gearbeitet, stabil, alle Teile verschraubt und austauschbar.
Wirkt stabil.
Kabel gewebeummantelt, kann mit der Zeit ausfransen (nach ein paar Wochen spärlichen Gebrauchs zu Hause bereits Spuren der Kabel-Abnutzung ersichtlich). Seitenmarkierungen nur auf dem Kabel.
Nicht faltbar.



Tragekomfort, Isolation:

Ohrmuscheln recht klein und nicht tief, sitzen jedoch gut bei mir und dichten auch gut ab. Der Komfort ist eigentlich recht gut, aber damit habe ich meist sowieso keine Probleme bei Bügelkopfhörern, selbst wenn die Ohrpolster etwas zu klein ausfallen.
Der Verstellmechanismus reißt (längere) Haare sehr gern heraus.

Die Geräuschisolation ist sehr gut für einen Bügelkopfhörer.


Klang:
"Pretty sure the 99 Classics would
sound more 
kickin' out
of a 
football." @shigzeo, Head-Fi.org
Die Emfindlichkeit des Kopfhörers ist sehr hoch und man kann ihn mit noch so schwachen portablen Geräten problemlos zu exorbitanten Lautstärkepegeln bringen - selbst mit einem Strandfußball, oder so ähnlich.
Zu allererst habe ich den Meze an meinem BlackBerry Q10 benutzt, einem eigentlich relativ ordentlichen Abspielgerät auch mit kritischeren Mehrtreiber In-Ears, abgesehen vom Rauschen. Woran auch immer es lag, am Q10 wurden die Verzerrungen des Kopfhörers im Bassbereich (dazu weiter unten mehr) nochmal verstärkt und ich war recht enttäuscht, bis ich den 99 Classics schließlich an anderen Quellgeräten (iPod Nano 6G, iPhone 4, iBasso DX90 und DX80, AGPTek A06 und C05, Leckerton UHA-6S.MKII sowie LH Labs Geek Out IEM 100) testete und an diesen einen gleichbleibenden Klang mit geringeren hörbaren Verzerrungen erzielte. Weshalb mein Blackberry hier mit dem Meze höhere hörbare Verzerrungen im Tiefton lieferte, bleibt mir schleierhaft, denn dies ist das erste Mal, dass es an einem Kopfhörer aufgetreten ist (wobei ich dabei auch sagen muss, dass ich das BlackBerry kabelgebunden auch nur eher selten als Audioplayer nutze).

Tonalität:

Ganz ohne Sinusgenerator oder Sweeps gibt es dieses Mal meine gesamten klanglichen Eindrücke - rein nach regulärem Hören von Musik ohne nerdiges Hören von Sweeps, Rauschsignalen oder dem Ermitteln der Intensität von Betonungen mit Hilfe eines Equalizers - nur pure Musik wurde für diesen Test verwendet, ganz gegensätzlich zu meiner üblichen Vorgehensweise.

Der Klang des Meze geht in die natürliche, sanftere, dunklere Richtung, eine für portable Kopfhörer recht gängige Abstimmung, die ich draußen als unangestrengten Klang für Bügelkopfhörer auch gelegentlich zu schätzen weiß. Tonal würde ich ihn mit der älteren Version des Sennheiser HD 650 mehr oder weniger gleichsetzen, doch ohne einen wirklichen Schleier auf dem Klang (den der Sennheiser aber auch nicht wirklich stark ausgeprägt hatte).

Der Bass befindet sich ein paar dB nördlich von neutral, mit einem ganz moderaten Abrollen gen Tiefbass, was sich beim Hören meist jedoch nicht ganz so bemerkbar macht - durch die geschlossene Bauweise wird bei tieferen Tönen unterhalb vom 80 Hz gleichbleibender Druck aufgebaut, wodurch hier eigentlich auch nichts an "Impact" fehlt.
Die Betonung im Grundton reicht in den oberen mittleren Grundton hinein und verleiht den Tiefen sowie unteren Mitten etwas Fülle. Stimmen befinden sich somit auf der sanfteren und wärmeren Seite, driften jedoch nicht zu sehr ins Muffige oder Verfälschte ab.
Der sehr gleichmäßige Hochton befindet sich dann bereits von den unteren Höhen an im Hintergrund, verleiht dem Klang somit eine Ruhe, Gelassenheit und wirkt entspannt, jedoch nicht künstlich, sondern recht realitätsnah, wenngleich auch mit weniger Pegel (wodurch die ermüdungsfreie Langzeittauglichkeit gefördert wird).

Gesamter Klang sehr glatt, zusammenhängend, ohne Peaks oder Schärfe (-> sehr natürlicher Klang - erinnert mich an den älteren HD 650 ohne "Schleier")

Auflösung:

Mittel- und Hochtonauflösung sind gut, top, da gibt es nichts zu meckern.

Der Bass will sich leider nicht so ganz harmonisch zum Rest einfügen, so klingt er etwas stumpf, besitzt nicht die Detailfülle des Mittel- sowie Hochtons und weist auch Verzerrungen auf, die sich bereits etwas im hörbaren Bereich befinden (und das wohlgemerkt bei geringer Lautstärke). Schlecht ist der Tiefton nicht wirklich, erwarten würde ich ein solches Verhalten jedoch eher bei einem Kopfhörer um 100€, aber nicht bei einem 300€-Produkt. Mein Sennheiser Amperior, Shure SRH440, Beyerdynamic DT770 Pro (250 Ohm) und die OneMore Over-Ears besitzen hierbei den technisch hörbar besseren Tiefton, was die Qualität betrifft; lediglich dem MEE Matrix² (kabelgebunden) und Brainwavz HM2 ist der Tiefton des Meze in etwa ebenbürtig, jedoch mit (wenn auch nur geringfügig) besserer Kontrolle als auch Detailfülle. Nee, das geht bei ~ 300€ besser.
Bei langsamer und einfacher Musik, allgemein gesprochen seichten Aufnahmen, fällt dies natürlich kaum bis gar nicht auf, bei nur geringfügig komplexer und schnellerer Musik beginnt man jedoch zu hören, dass der Bassbereich technisch nicht ganz mit dem Mittel- und Hochton mithalten kann - schade.

Bühnendarstellung:

Die Räumlichkeit ist für einen geschlossenen Kopfhörer okay bis gut. Die Ausdehnung zu allen Seiten ist nicht sonderlich prägnant, dafür ist die Ortung in meinen Ohren jedoch gut, genau wie auch die Tiefenstaffelung  (der von manchen Testern beschriebenen "tollen Räumlichkeit" kann ich mich hier nicht sonderlich anschließen, was aber auch an meinen größeren Ohrmuscheln liegen könnte). Für meinen Geschmack könnten Instrumente etwas "genauer" im Raum stehen (um einzelne tonale Elemente gibt es einen kleinen "Nebel", womöglich durch den Tiefton hervorgerufen), insgesamt würde ich die Bühne dennoch als gelungen beschreiben. Die exakte Positionierung kann man zumindest heraushören (auch wenn die Trennung nicht messerscharf ist).

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Einen wirklichen Vergleich mit anderen mobilen Bügelkopfhörern möchte ich mir an dieser Stelle ersparen, da mein Inventar für diesen Zweck eher wenig vergleichbare Exemplare an geschlossenen Hörern hergibt (positiv erwähnenswert wären vielleicht der Beyerdynamic DT770 Pro in der 250 Ohm Ausführung, Shure SRH440, Sennheiser Amperior sowie die roten Over-Ears von OneMore).
In Sachen Mittel- und Hochtonauflösung ist der Meze den genannten Modellen ein Stück weit überlegen und geht mehr in Richtung meines Beyerdynamic DT880 Edition (600 Ohm) oder Sennheiser HD 600, zwei Hörer, die ich im Bereich des mittleren Hi-Fi sehr sehr mag, ohne jedoch deren Leichtigkeit und Offenheit in der Präsentation zu erreichen, was aber auch an der Bauweise und Bühnenabbildung liegt.
Stellt der 99 Classics in den Mitten und Höhen technisch noch meinen besten portablen Bügelkopfhörer zum Stand der Veröffentlichung dieses Testberichts dar, steht er den genannten geschlossenen Modellen im Bassbereich jedoch leider etwas hinterher und wirkt stumpfer, mit den geringeren Details im Tiefton und einer geringeren Geschwindigkeit mit geringen doch hörbaren Verzerrungen - was ziemlich schade ist, so wirkt der Meze auf mich nämlich wie ein Paar guter Kompaktlautsprecher, die um einen Subwoofer ergänzt wurden, der zwar Frequenz- und Pegel-mäßig korrekt in das System integriert wurde, jedoch nicht ganz an die technischen Fähigkeiten der beiden Satelliten heranreicht.


Fazit:

Gefällt mir der Meze insgesamt (rein subjektiv)? Das kann ich mit "teils/teils" beantworten. Die tonale Abstimmung ist für den portablen Einsatz relativ angenehm (wenngleich nicht meine #1 Präferenz, hier gefällt mir ganz persönlich der SRH440 besser, was jedoch meine subjektive Vorliebe ist, denn "in der Mitte und obenrum" ist der Meze objektiv gesehen glatter sowie detaillierter), der Kopfhörer isoliert gut, zudem ist die Auflösung im Mittel- und Hochton wirklich gut für den Preis. Weniger gut sind die Kabelgeräusche beziehungsweise das Kabel allgemein, dazu könnte und sollte der Tiefton bei dem Preis qualitativ besser sein.

Insgesamt bekommt der Kopfhörer bei einer 70% Klang/Preis-Leistung-zu-30%-Rest-Gewichtung 73,8% oder 3,69 von 5 möglichen Sternen - empfehlenswert, jedoch mit gewissen Einschränkungen.